Das Grandhotel in Prag: Angst vor dem Unbekannten?

Wir wohnen im Goethe-Institut. Durchs Fenster unseres prächtigen Turmzimmers gucken wir auf den prächtigen Hradschin, der tschechische Präsident sitzt in einer Burg auf einem Berg. Miloš Zeman, der da im Moment residiert, hat kurz vor unserer Ankunft in Prag Donald Trumps „Muslim Ban“ gutgeheißen. Hier ist der Rechtspopulismus also auch schon in den höchsten Institutionen angekommen und schmeißt sich in den rassistischen Fratzen-Wettbewerb.

„Fear of the unknown“ – „Angst vor dem Unbekannten“ heißt die Ausstellung, zu deren Eröffnung das Grandhotel vom Goethe-Institut in Prag geladen ist. Baby-Rettungswesten in Reih und Glied sind ein neonfarbenes Denkmal für den Zynismus, mit dem die EU ihre Grenzen abriegelt und Menschen daran zerschellen lässt. Um die Ecke hängen in einem nachgebauten provisorischen Unterstand weitere Rettungswesten, sie sind echt; sie wurden von Flüchtenden benutzt, die deutsche Künstlerin Birgit Rüberg hat sie auf der griechischen Insel Lesbos vom Strand gesammelt und mit Glitzergarn bestickt: „Unkraut vergeht nicht“ steht da, „When in Rome …“ oder „Easy does it“, zusammen mit dem Bild eines überfüllten Flüchtlingsboots.

Es gibt außerdem eine Videoarbeit des polnischen Künstlers Artur Żmijewski, der 2007 (!) Vertreter*innen vier politisch sehr unterschiedlicher Gruppen zu einem gemeinsamen Workshop gebeten hat. Zunächst sollten die Rechtsnationalen, Sozialisten, Katholiken und Juden ihr wichtigstes Symbol auf eine große Leinwand malen. Dann wurden sie dazu aufgefordert, die Bilder der anderen zu bearbeiten, zu ändern. Die Konfliktlinien brechen auf, sie zerstören die Bilder der anderen, erst noch mit Farbe, Stift und Schere, dann irgendwann fängt eine der Sozialist*innen an, überall dort, wo ihr etwas nicht passt, Feuer zu legen. Am Ende liegt der Workshopraum in Schutt und Asche. Verständigung unmöglich? Oder lag es an der Herangehensweise? Müssen wir die Symbole weglassen? Geht das überhaupt?

Es ist ein Panorama sehr unterschiedlicher künstlerischer Umgangsweisen mit den Themen Flucht und Asyl, das die Ausstellung in der zweistöckigen Galerie der Narodni technicka knihova, der Bibliothek der technischen Universität von Prag, aufblättert. Auch wir gehören dazu, das Grandhotel. Mit unseren Symbolen, unserer Friedens-Ästhetik. Im Ausstellungsraum vertritt uns Zahra mit einem Teppich, in den sie die Telefonkarten eingewebt hat, die sie nach der Flucht aus dem Iran benutzt hat, um mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben.

Im Foyer vor der Galerie stellen wir den großen Esstisch aus dem Grandhotel auf, Sibil und Lena installieren die mobile Küche. Die NGO Zachran Jidlo versorgt uns mit Gemüse – Kartoffeln, Karotten, Petersilienwurz, Sellerie, die nicht den EU-Normen entsprechen und deshalb normalerweise von den Landwirten weggeworfen werden. Ein Klavier wird aus dem Bibliotheks-Café herangerollt, die Jungs saugen die beiden großen Hotel-Teppiche, zwei Frauen schreiben drei Fragen aufs Fenster der Galerie, auf tschechisch, englisch und Farsi: What world would you like to live in? Which personal borders would you break through for this? What is your first step for getting there? Postits und Stifte werden bereitgelegt, um Antworten der Ausstellungsbesucher*innen zu empfangen.

Abends wird die Ausstellung eröffnet. Als wir die roten Grandhotel-Pagenuniformen anziehen, fragt Zahra: Warum? Diese Uniformen stehen für das kapitalistische Ausbeutungssystem, das wir ablehnen – oder? Auf das Argument, dass man die Uniformen auch als künstlerisches Spiel mit solchen Zeichen auffassen könnte, geht sie nicht ein. Sie folgt ihrem Gefühl zu diesem Ort und zum Kunstbetrieb im Allgemeinen, der sich dann auch auf konventionellste Weise abbildet; kurze Grußworte, lange Schlangen am Weinausschank, bei den Baby-Rettungswesten hat sich eine Band aufgebaut, die Hit-Cover in die hallige Akustik schnulzt. Die mobile GHC-Küche gibt Bulani mit Kartoffelfüllung, Karotten-Chatni und Zwiebelsuppe aus; alle roten Uniformen sind mit Catering beschäftigt, wir sind Diener und haben gerade keine Zeit uns zu fragen, wessen Diener.

Aber dann löst das Hokuspokus sich auf, Stef greift auf unserem Klavier in die Tasten, eine ältere Dame schmeißt ihre Krücken weg und beginnt zu tanzen. Farhad trommelt, und schnell scharen sich weitere Tänzer um die Lady, die im kleineren Kreis einen Transformationsmoment zaubert. Micha kann sich wieder ihrer Fotografierkunst zuwenden.

Am nächsten Vormittag berichten zwei Kunstpädagoginnen von ihren Erfahrungen in Bratislava, wo die Ausstellung herkommt und wo sie sie Kindern und Jugendlichen näher gebracht haben. Zum Beispiel, indem die Kinder sich selbst einen Pass machen konnten, in dem neben Körpergröße und Augenfarbe auch nach „deiner besten Charaktereigenschaft“ gefragt wurde. Außerdem engagierten sie einen aus Afghanistan geflüchteten Jugendlichen als Ausstellungs-Guide, der den Kindern seine eigene Geschichte erzählte als Vergleich zu den Geschichten, die in den Exponaten stecken.

Als Roi später die Museumspädagoginnen und Lehrerinnen in einem eigenen kleinen Workshop dazu auffordert, in einer Pantomime die Arbeit vorzustellen, die sie in der Ausstellung am meisten beeindruckt hat, gewinnt der Container von Lukas Houdek: der Nachbau eines Lastwagens, in den man sich ins Dunkle begibt und auf lauter menschliche Gliedmaßen tritt, weil er schon voller Leute ist, die mit einem zusammen durchs dunkle ins Unbekannte reisen, das LKW-Fahrgeräusch verrät nicht, wohin. Wohin bringt uns solche Einfühlung? Stellt sie Empathie her, ist Empathie ansteckend? Oder ist es ein Trugschluss, dass wir mehr Empathie brauchen? Was brauchen wir? What world would we like to live in?

Bilanz: Wir haben in den drei Tagen mit einem Wareneinsatz von maximal 10 Euro mindestens 300 Essen rausgegeben, meldet die mobile Küche. Aus dem Abfall der Kartoffel-Schönheits-Industrie haben wir etwas Warmes für alle geschaffen. 
Die Sicherheitschefin der Galerie war so begeistert von unserem Esssen, dass sie zum Schluss losgezogen ist, um Gewürze zu kaufen und zuhause weiterzukochen.

Ende März kehren wir mitsamt unserem Grandhotel-Satelliten-Inventar zurück. Dann bietet unsere grosse Tafel wieder Platz für Gespräche, Gemüseschnitzereien und Teerunden mit Klaviermusik. Roi will einen Workshop machen, vielleicht mit Studenten der technischen Uni, unter denen es einige geben soll, die sich in die rechte Richtung verhärtet haben. Sophie will mit Leni eine Extra-Ausgabe des Magazins produzieren, in der Ausstellungsbesucher*innen – vielleicht Jugendliche – über ihre Erfahrung mit „Fear of the unknown“ berichten. Für Iman, die zum Magazin gehört, wegen ihre Flüchtlings-Status‘ aber nicht nach Prag reisen kann.

Außerdem wollen wir die Grandhotel-Uniform überarbeiten. Eine erste Idee: Glamouröse Abendkleider statt Pagenlivree – oder vielleicht eine Kombination? Oder was ganz anderes? Raumanzüge? Windeln? Rettungswesten?

„Fear of the unknown“ – „Angst vor dem Unbekannten“
Ausstellung in Prag /NTK, noch bis zum 31. März 2017. Das Grandhotel ist dort vom 27. bis zum 30. März unter anderem wieder mit der Grand Cuisine vertreten.