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Subjektiv // Über unsere Arbeit

Vor bald einer Woche haben wir schon in den frühen Morgenstunden vor dem Grandhotel gegen die unangekündigte Abschiebung einer Familie mit zwei kleinen Kindern – zurück in den Kosovo – Widerstand geleistet. Ab 7:30 ging es im strömenden Regen zwischen uns Protestierenden und den Polizisten hin und her. Mehr dazu aus unserer Perspektive und ein Bericht der AZ, dessen unsägliche Kommentare uns allen zu denken geben sollten.

Es ist eine solche Herausforderung friedlich zu bleiben – in mir fährt sich das Adrenalin nur allzu schnell hoch. Aber ich übe ruhig Blut zu bewahren, statt auf die Barrikaden zu gehen. Zum Glück stehen mir im Grandhotel Menschen nahe, die diese friedfertige Seite in mir ansprechen und stärken.

Was wirklich umwerfend an den Ereignissen dieses Morgens war, ist der Fakt, dass uns diese Situation alle hinter diesen vier Menschen vereint hat. Normalerweise (also wenn es um nichts weiter als das Alltagsgeschäft wie kochen, putzen, waschen, … geht) oder wenn ein, zwei Leute reichen, die etwas ausarbeiten, packen wenige Geflüchtete, die im Grandhotel leben, von sich aus mit an. (Viele sind gelähmt von der Dauerschleife oder Aussichtslosigkeit in der sie hier gefangen sind und das Ausbrechen daraus ist oft zäh und fordert viel eigenen Willen auf ein selbstbestimmtes Leben in diesen widrigen Umständen.)

Heute waren alle da und haben sich Seite an Seite für einander und die oft beschworene Menschlichkeit und Unantastbarkeit unserer Würde eingesetzt. Das war ein Moment in dem wir wieder zu Brüdern und Schwestern geworden sind – und zwar weil wir es selbst so wollten. Keiner denkt dann mehr daran welche Religion jemand hat oder welchen Bildungsstand. Es geht nur um das Zusammenhalten.

Das ist wunderschön und rückt im Angesicht der Wirklichkeit – die sofort nach einer Entscheidung verlangte – luxeriöse Gedanken (zB an eine Kunstausstellung) einen Moment ins Licht der Belanglosigkeit. So vielfältig wir sind, so divers können auch die Formen unseres Protests sein. Wir brauchen neue Fahrzeuge, auf die sich noch mehr Menschen angesprochen fühlen, aufzuspringen. Und sich diese Fahrzeuge gut auszudenken und gemeinsam zu schmieden – ist das nicht der künstlerische Akt, den unsere heutige Welt so sehr braucht?

Obwohl es immer wieder ernüchternd ist hörige Menschen zu erleben, die wie blind funktionieren – wie eine ausgehöhlte Masse, die nur auf Geheiß äußerer Instanzen operiert. Menschen! – Ohne eigene Überzeugung und Willen? – Wirklich? Wirklich? Wirklich?

Nachdem die Polizei uns während der anfänglichen Verhandlungen in den Rücken fiel, kam es wenig später zu einer Einigung, die es der Familie zugestand, drei Tage später etwas vorbereitet auszureisen. Die Dankbarkeit der Familie, dass wir nicht gewichen sind, sondern standhaft hinter ihnen gelieben sind, hat mich sehr berührt und gezeigt wie wichtig es ist, ein Leben von dem man wirklich überzeugt ist für alle sichtbar zu leben. Es gibt keine Alternative mehr.

Wir sollten uns alle dafür einsetzen und uns neben einander stellen, so dass unsere Würde wieder unantastbar wird. Wie schön wäre es, wenn aus einem Einsatzkommando heraus Widerstand gegen einen Befehl laut würde. Zumindest haben einige Polizisten gelächelt, als ich sie nach Entspannung der Lage eingeladen habe, doch mal auf einen Kaffee bei uns vorbeizukommen.

Worauf warten wir eigentlich? Es gibt immer (Denk-)Mauern einzureißen – wir alle können Verbündete sein und jede Begegnung birgt potenzielle Veränderung für unser Miteinander auf der ganzen Welt. Und selbst der Einsatzteilnehmer, von der anderen Seite, den ich am Wochenende in Zivil auf der Straße sah, könnte zu einem Anderen werden.