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Subjektiv // Räume denken // Ausgezeichnet: Grandhotel schafft Lebensräume

Über unsere Teilnahme am Projektimpuls „Wohnraum für Alle!“, Hochschule München am 12.03.2016

Am Samstag waren wir eingeladen, unsere Erfahrungen, Fragen und Thesen mit einer Fachöffentlichkeit zu teilen, die zum ehrenamtlichen Austausch über gleichberechtigte Formen des Städtebaus eingeladen hatte. Mit dem Fokus auf schnellen Wissensaustausch wurden vorwiegend planerische Möglichkeiten zur Umsetzung des Rechts auf Wohnraum für alle exemplarisch vorgestellt und die darin enthaltenen Impulse anschließend im Plenum weiter verhandelt. Der Projektimpuls! „Wohnraum für Alle!“ betitelte den lohnenswerten, wie auch ambitionierten Impuls, Raumkonzepte für Menschen in Notlagen zu denken, die eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben begünstigen sollen.

Thema des Tages: Flüchtlinge, aber eigentlich ja alle.

Leider auch an dieser Stelle ohne Einbezug derjenigen, über die gesprochen wurde. Entsprechend der allgmein paternalistischen Tendenz im Denken und Handeln für die Menschen, denen die Teilnahme an solchen Räumen gesellschaftlicher Praxis nicht ermöglicht wird. „Aber Architekten sind auch keine Sozialarbeiter“, wie einer der Experten erklärte. Daneben wurde der Fokus aber erfreulicherweise geweitet und herausgestellt, dass die Problematik am Wohnungsmarkt nicht primär durch erhöhte Flüchtlingszahlen zustandekommt, sondern ein in Fachkreisen schon seit Jahrzehnten bekanntes gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Nach der Präsentation der ausgezeichneten Projekte vertieften wir uns in angeregten Gesprächen an den Thementischen Integration +  Projektentwicklung im Bestand, verhandelten interdisziplinär an zwei von sechs „Marktständen“ Qualitäten einer Raumformung, die mehrheitlich aus der Perspektive Bau für Menschen und nicht mit Menschen gedacht wurde und planerische, architektonische Aspekte hervorhob. Überwiegend auf der Basis vermuteter Bedürfnisse wurden Fragen eines gleichberechtigten, urbanen Zusammenlebens diskutiert. In der Gruppe, die sich der Frage annäherte, „welche räumlichen Rahmenbedingungen (…) die mittel- und langfristige Integration von Flüchtlingen befördern“, gelangten wir glücklicherweise zügig zu einer Kritik an dem Integrationsbegriff und so zur Öffnung der Diskussion zugunsten einer punktuellen Selbstkritik. Wir können nicht für andere Menschen fühlen oder denken und diese Beschränktheit unseres eigenen Wissens über den Anderen macht es notwendig, mich in einen fortlaufenden Dialog mit ihm zu stellen.

Erneut machten wir die Erfahrung, wie anspruchsvoll es sein kann, das Grandhotel als komplexen Raum gesellschaftlicher Praxis zu vermitteln und den interdependenten Zusammenhang mit der architektonischen Ausformung des konkreten Raumes deutlich zu machen. Die perspektivische Verschiebung die sich für eine Fachdisziplin wie die Architektur daraus ergibt hat grenzüberschreitendes Potential. Ob wir verdeutlichen konnten, was Raumformung in einem transkulturellen und transdisziplinären Arbeitskontext für uns bedeutet und worin wir deren Potentiale für eine sich verändernde Gesellschaft sehen, bleibt abzuwarten. Bleibt es bei der Einladung zum ehrenamtlichen Austausch von Wissensschätzen oder erfährt die darin erarbeitete Expertise auch Formen der Anerkennung, die ihre eigene, angemessene Vermittlung überhaupt erst möglich macht? Auch dann, wenn sie sich sperrig zeigt in förderungsfähige Kategorien wie Integration oder Architektur eingeordnet zu werden?

Unsere Zusammenarbeit mit interdisziplinären Bezügen ist in den Kinderschuhen und soll weiter ausgestaltet werden um durch künstlerische Formen der Raumproduktion multiperspektivische Zugänge zu den unterschiedlichen Wissensvorräten zu ermöglichen.
Informationen über konkrete Aktionen, Beiträge in Tagungen und Konferenzen, entstehende Netzwerke und Publikationen finden sich auf unserer Seite.
Wir sind interessiert an einem grenzüberschreitenden Austausch mit Akteur*innen, die sich als Mitgestaltende von Stadt begreifen (wollen). Wir forschen zu gesellschaftlich relevanten Raumformungsprozessen und beabsichtigen, diese mit dem Grandhotel Cosmopolis in angemessener Form zu reflektieren, zu dokumentieren und sichtbar zu machen.
Was ist Stadt für dich? Was meint Zusammenleben in deinem Kontext? Was ist öffentlicher Raum? Wo baust du Mauern und hast die Bereitschaft, sie zu überwinden?

Ernüchterung stellt sich ein, als wir in der Beurteilung der auszeichnenden Expert*innen lesen, „Der Anspruch des Projekts ist es, nicht nur günstigen Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen, …“ (Deutscher Werkbund Bayern e.V, Wohnraum für Alle!, 2016).
Das Grandhotel zielt nicht darauf ab, günstigen Wohnraum für Geflüchtete zu schaffen, das ‚Projekt‘ ist in seiner Grundverfasstheit schon anders angelegt. Wie schaffen wir die Vermittlung? In unserem Verständnis formt das Grandhotel Lebensräume im Austausch miteinander, über disziplinäre Grenzen hinweg. Nicht ein Architekt plant die Nutzung und übergibt das vollendete Objekt. Vielmehr findet der Raum zur Form über einen informellen Prozess gesellschaftlicher Praxis. Ein Statement, das bei der Abschlussveranstaltung zum Home not Shelter Projekt erwähnt wurde, drückt dies besonders gut aus: „Form follows time“ (in Abwandlung des aus der Moderne entspringenden Satzes „Form follows function“). Entsprechend kollektiv getragener Bedürfnisse und unter gleichzeitiger Beachtung der Unterschiedlichkeiten einer*s Jeden formen wir die Kultur eines geteilten Ortes: „Dynamischer Projektverlauf, Eigenverantwortlichkeit, Nutzen vorhandener Ressourcen, sowohl in Form des Wissensschatzes von Bürgerinnen und Bürgern einer Stadt, als auch in Form bestehender leerstehender Gebäude“.

Die Absicht, Stadtentwicklung partizipativ auszugestalten, erfordert eine Praxis der anhaltenden Bereitschaft, sich gegenseitig zu verstehen und die Haltung, auf das Wissen des Anderen quasi angewiesen zu sein, um fähig zu werden, die eigenen Vorurteile und Selbstüberzeugungen zu überwinden.

Wir sind alle gefordert, kommunikationsfähig zu werden und zu bleiben, um über mögliche Bedürfnisse von Menschen mit radikal anderen Erfahrungen, Ritualen und allgemeinen Ordnungen der Welt etwas zu lernen. Wie sie für dich ist, ist nicht, wie sie für mich ist. Um gemeinsame Wissensvorräte zu erarbeiten, arbeiten wir an einer „partizipativen Architektur“ im Sinne einer Sozialen Plastik. Hier geht es nicht um die Reproduktion diskriminierender Sonderkategorien wie Flüchtling, es geht um den gemeinsamen Aus- und Weiterbau von Räumen sich verändernder Gesellschaft.

Für Menschen aus unserer gegenwärtigen, kosmopolitischen Realität will das Grandhotel Ort der Zuflucht und der Gemeinschaft sein können. Als temporäre Heimat für Reisende aller Art.
Ein Zwischenraum, in dem Menschen als Menschen gleich sind und einander ähnliche Bedürfnisse haben. Ein Zwischenraum, der kein Ankunftsraum sein kann, weil die rechtlichen Bedingungen das dazu essenzielle Gefühl nicht möglich machen: Sicherheit.
Ein Zwischenraum der in der Vermittlung zwischen unterschiedlichster Kulturen.zu einem gemeinsam produzierten Entwicklungs- und Kulturraum wird.

Ein „im besten Sinne urbanes Gebäude, in dem durch die Mischung von Nutzungen und Nutzern soziale Integration geschaffen wird“, ein Ort, an dem Interaktion zwischen Menschen als Motor für eine inklusive Gesellschaft gelebt wird.

In einer vom Werkbund herausgegebenen Broschüre sind alle Arbeiten publiziert. Eine begleitende Ausstellung findet noch bis zum 9.4.2016 In der Architekturgalerie München statt.