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Subjektiv // Idomeni: Erfahrungsbericht von der Grenze eigener Belastbarkeit

Dieser Bericht von Jessi erreichte uns vor ein paar Tagen per Mail. Als einer von vielen erzählt auch er von dem erfahrbaren Ausmaß der humanitären Katastrophe im gegenwärtigen Europa.

„Hallo ihr lieben Menschen,
ich habs endlich mal geschafft mich hinzusetzen und mal eine längere Mail zu schreiben, um euch mal einen kurzen Einblick zu geben und mich für eure Unterstützung, egal auf welche Art und Weise zu bedanken.
Wie die meisten wissen bin ich grade, mittlerweile schon seit ueber 2 Wochen (die Zeit fliegt!!) in Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze. Der eigentlich Plan war am 7./8.4 nach Hause zu fahren, aber ich habe mich entschieden doch noch bis Mitte oder Ende naechster Woche zu bleiben.

Die Situation hier ist unerträglich. 12 000 Menschen stecken hier in den katastrophalsten Bedingungen fest, man kann in keinster Weise von menschenwürdigen Bedingungen sprechen. Die Menschen schlafen in einfachen Zelten, oftmals ohne Überzelt, auf Kartons, Wind und Wetter ausgesetzt. Oftmals teilt sich eine Familie ein kleines Zelt. Diejenigen, die „Glück“ haben schlafen in ausrangierten Eisenbahnwaggons oder in einem der wenigen robusteren Großzelten.
Viele Menschen, die ankommen oder deren Zelte kaputt gegangen sind, haben kein Dach über dem Kopf und es gibt wenig Ansprechpartner, die Zelte bereit stellen. Jeden Tag erreichen hunderte Kiste Spendengüter Idomeni, Zelte sind jedoch Mangelware. Generell mangelt es an allem. In der Not wird man kreativ und so kochen viele Menschen ihr Essen in Blechkanistern oder Dosen über Feuern, die mit Plastik, Kleidungsstücken und allem Brennbaren am Leben gehalten werden, nicht nur um die Familie zu ernähren, sondern auch um warm zu bleiben.
Über dem Camp stehen Rauchschwaden und nach kurzer Zeit brennen einem die Augen von den Dämpfen. Viele Menschen sind krank, mittlerweile scheint jedoch die Sonne und der Regen scheint erstmal vorbei zu sein.
Das bringt natuerlich neue Probleme mit sich. Gerueche und Krankheiten verbreiten sich wesentlich schneller und in der Hitze, die mittlerweile tagsueber herrscht kippen viele Menschen um oder verbrennen sich, weil es kaum Schatten gibt. In den Zelten, die meist in der prallen Sonne stehen ist es kaum auszuhalten, viele vergleichen ihr eigenes Zelt mit einem Hammam.

Ohne die vielen Freiwilligen, die Tag für Tag bereit stehen, kaum schlafen, kaum essen, wäre die Lage noch viel katastrophaler. Es gäbe keinerlei Essen, keine medizinische Versorgung, keine Kleider nichts. Hunderte Menschen, viele tatsächlich aus dem deutschsprachigen Raum, kochen jeden Tag tausende Portionen Suppe, schmieren unzählige Sandwichs und geben Babynahrung an die vielen kleinen Kinder und Babys aus. Ich kann mir kaum vorstellen unter was für einem großen psychischen Druck, die Menschen hier stehen.
Sie stehen Tag für Tag in Essensschlangen, immer mit der Angst im Nacken nicht genug Essen für sich und ihre Familie zu bekommen. Von den hygienischen Umständen ganz zu schweigen. Toiletten gibt es nur in Form von Dixi-Klos und das Camp wird langsam aber sicher zu einer Kloake. Duschen sind kaum vorhanden und oftmals fällt das Wasser aus, so dass viele Menschen weder Dusch-, Koch-, geschweige denn Trinkwasser haben.
So langsam wird die Stimmung im Camp immer angespannter. Es gibt viele Konflikte innerhalb des Camps, viele Menschen trauen sich nachts nicht zu schlafen, aus Angst, dass ihnen etwas angetan wird. Vor ein paar Tagen, wie an so vielen Tagen, machte erneut das Gerücht die Runde, dass die Grenze geöffnet wird. Tausende Menschen versammelten sich vor der Grenze, saßen auf ihren gepackten Habseligkeiten und schwenkten Toilettenpapier als Zeichen dafür, dass sie in friedlicher Absicht da sind. Viele Situationen bringen mich an meine Grenzen und ich kämpfe oft mit den Tränen. Ich jedoch kann abends das Camp verlassen und habe ein festes Dach über dem Kopf, irgendwann werde ich wieder zurück in Deutschland sein während diese Menschen immer noch in Idomeni ausharren.

Dass Europa die Balkanroute nun endgueltig geschlossen hat, ist fuer mich unbegreifbar, denn an die vielen Menschen hier denkt anscheinend kaum jemand. Es gibt Schaetzungen, dass dieses Camp jahrelang bestehen wird. Die Menschen koennen weder zurueck in ihre Heimat noch vorwaerts. Ich finde es unfassbar schwer das den Menschen hier beizubringen, denn viele fragen natuerlich oft danach, ob die Grenzen bald wieder geoeffnet werden. Gerade wird eine neue Schule eingerichtet, in der die Kinder Unterricht erhalten. Immer wenn ich jemandem davon erzaehle, werde ich gefragt, ob das jetzt bedeutet, dass sie erstmal hier bleiben muessen, dass Idomeni sozusagen ihr neues „Zuhause“ ist…was soll man da schon antworten?? Aber dennoch hoffen nach wie vor sehr viele Menschen darauf, dass es fuer sie bald weiter geht…die Hoffnung stirbt halt doch zuletzt.

Mein Tag gestaltet sich ziemlich abwechslungsreich, wobei ich die letzten Wochen sehr viel in einem Chaizelt mitgeholfen habe, dass 24 Stunden am Tag Tee ausgibt und bis zu 6 Suppen pro Tag kocht. Das Ziel ist momentan 2000 Portionen am Tag zu schaffen. Dazu gibt es jeden Tag Fruehstueck und immer wieder kleine Snacks wie Eier oder aehnliches. Zusaetzlich dazu bin ich aber auch oft dabei Kleidung, Hygieneartikel oder sonstiges auszuteilen oder mit den Kindern zu spielen, die trotz der Situation sehr anhaenglich, verschmust und immer fuer Scherze zu haben sind. Nicht nur die Kinder begegnen einem mit einer unfassbaren Freundlichkeit, Gastfreundschaft, Dankbarkeit und Waerme. Erst letztens war ich in einem etwas abgeschiedenen Camp, was sich auf und rund um eine Tankstelle gebildet hat, Unterwaesche verteilen und wurde in einer halben Stunde 5mal zu Chai und Abendessen eingeladen. Obwohl die Menschen so wenig haben, teilen sie sehr gerne und mir faellt es oftmals sehr schwer Dinge oder Essen anzunehmen.

Mir faellt es unfassbar schwer das hier alles in Worte zu fassen, vielleicht hoert sich manches auch zu plakativ an… Morgen werde ich nach Thessaloniki fahren und einen Schwung Sonnencreme einkaufen, die grade dringend gebraucht wird. Vielleicht ergattere ich auch ein paar Sonnenhuete…Sonst steht die naechsten Tage noch Bananen ausgeben an, genauso wie Kindertanzstunden, Hummus-Brote schmieren und und und…
Vielen vielen Dank fuer die ganzen lieben Worte, Geldspenden, etc etc etc!! Bisher sind schon 900 Euro reingekommen und ich werde das Geld auf jeden Fall einzusetzen wissen, dazu dann aber mehr, wenn ich wieder da bin. Bisher war ja immer Jakob Ebels (der bis vor ein paar Tagen auch noch hier war) Spendenkonto angegeben, rein aus organisatorischen Gruenden und ich kann euch versichern, dass all das Geld das ihr geschickt habt an mich weitergeleitet wurde. Der Einfachheit halber, falls jemand doch noch ein bisschen Geld geben moechte, gebe ich hier einfach meine Kontodaten an:

Jessica Teschke
DE96120300001013745987
BYLADEM1001