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Subjektiv // Das Spiegel-Interview oder…

…die Schizophrenie der Kunst

Das Interview ergab sich aus einem Gespräch am Rande der 4. libertären Buchmesse in Mannheim am 21.4.2017 und kann ungekürzt online nachgelesen werden.

Spiegel: Was bewegt jemanden dazu, freiwillig in einem Projekt wie dem Grandhotel Cosmopolis zu arbeiten?

M.: Eigentlich ist die Frage falsch gestellt, sie müsste lauten „ Warum arbeitet Mensch freiwillig in oder an einer sozialen Skulptur?“ Es ist wichtig diesen Aspekt immer mit zu denken, da er die Essenz ausmacht, die gemeinsame Arbeit sozusagen auf das Soziale zuspitzt und somit die beteiligten Subjekte in ihre Verantwortung für das Ganze zu bringen sucht. Es stellt sich aber doch eher die Frage warum andere das nicht tun! Gerade jetzt wo wir mit einander sprechen entsteht soziale Skulptur, zumindest fügt sich durch unser Gespräch für gewisse Zeit etwas zur Skulptur hinzu. Es ist dann natürlich die Frage wie lange dieser kreative Teil, der entsteht, Bestand hat oder ob er sich von der Skulptur wieder löst. Unsere Inhalte über das Soziale sind es, die im besten Fall unser beider Geist und Herz irgendwie positiv verändern werden. Seien sie also auf der Hut, wir werden nach unserem Gespräch nicht mehr dieselben Menschen sein. Kurzfristig zumindest. Sollten sie jedoch eine tief greifende Veränderung anstreben müsste ich sie sofort bitten mit an die Arbeit zu gehen. (lacht)

Spiegel: Können sie den Lesern kurz erklären was die Soziale Skulptur oder die soziale Plastik ist? Also nicht eine abstrakte Definition, sondern für sie persönlich.

 M.: Zu erst einmal muss begriffen werden, dass die soziale Plastik nicht „Sein“ kann im ontologischen Sinn, sondern sie kann nur „Werden“. Sie ist immer im Fluss, im Prozess, in ständiger Veränderung solange Menschen daran arbeiten. Sie ist in Zeit und Raum zu verorten, aus denen sie herausgreift, um das Soziale zu zeigen. Das Soziale zu verwirklichen im gemeinsamen Vollzug des Lebens. Hierauf muss unser Augenmerk liegen und permanent Einfluss bekommen in unserer Sprache, unserer Liebe, unserem Leben. Es muss durch unseren intersubjektiven Fokus in die Gesellschaft hineinwachsen, um so sein revolutionäres Potential entfalten zu können. Das ist ja gerade das, was es so spannend macht und gleichzeitig so schwer, da alles einer kontinuierlichen Veränderung unterworfen ist und du heute nicht weißt was morgen sein wird. Soziale Plastik ist für mich der Versuch mit anderen das Soziale in uns hinein sinken zu lassen, um dann gemeinsam, sozusagen revitalisiert, das zu tun was notwendig ist. Das Notwendige wird aber nichts Vorgegebenes sein können. Es kann nur etwas spontan Herauswachsendes werden, da ja auch immer unterschiedliche Menschen an den Prozessen beteiligt sind. Somit ist die soziale Plastik ein aus den Herzen Herauswachsendes.

Spiegel: Das bedeutet dann wohl, dass im Grandhotel keine Struktur zu finden ist oder verstehe ich das falsch.

 M.: Beides! (lacht) Natürlich gibt es eine Struktur und natürlich gibt es keine Struktur. Das Strukturmerkmal ist gerade die Schnittstelle an der das Soziale seinen Aushandlungsprozess vollzieht. Ebenso liegt die Betonung auf natürlich! Das Natürliche bezieht sich hier auf die menschliche, wie die gesellschaftliche Natur, um die es in gemeinsamer Kommunikation ja geht. Unsere soziale Natur steht hier zur Disposition und muss sich im Gegenüber sowohl finden, als auch sich an ihm oder ihr reiben.

Doch wir alle haben auch ein biographisches Gepäck, welches schwer auf unserer Kommunikation und unserem Blick auf das Soziale lastet! Die verschiedenen Sozialisationen der Einzelnen können sehr wirkmächtig sein und unter Umständen die Selbstwirksamkeit des Gegenübers empfindlich beeinträchtigen. Das passiert meistens, wenn im dümmsten Fall zwei große Egos aufeinander prallen. In solchen Fällen tritt das Soziale schnell in den Hintergrund und die biographischen Muster verdichten sich in einen Konflikt den es zu erkennen gilt. Dort beginnt das revolutionäre Moment. Wenn wir unsere eigenen negativen Musterverdichtungen erkennen und aus uns herausgreifen in eine andere, eine neue, eine veränderte Welt. Das geschieht nicht alleine, es braucht immer das Gegenüber. Als Geburtshelfer sozusagen.

Spiegel: Das hört sich alles schön und gut an, aber wer bestimmt den, wer sich da zu verändern hat und in welche Richtung sich das bewegen soll oder kann hier jeder machen was er will?

 M.: In der sozialen Plastik muss unser Blick auf gemeinsam geteilten Werten liegen. Werte die schon bereit liegen in den Herzen der Menschen, die hier zusammenkommen. Ein zentrales Anliegen muss sein, die Selbstwirksamkeit der Einzelnen in den Blick zu rücken. Und das meine ich hier immer auf das Gegenüber bezogen. Die vorhandene oder nicht vorhandene Selbstwirksamkeit des Anderen nicht die eigene, an ihr muss sich die eigene Selbstwirksamkeit prüfen.

Es ist eine Frage der Haltung! Schnell wird zu erkennen sein, ob es da eine Schieflage gibt oder ob wir in unserer Wirkmächtigkeit gemeinsam schwingen können. Wir müssen auf der intersubjektiven, emotionalen Ebene in eine gemeinsame Balance kommen. Hier ist wieder das Bewegliche der Plastik erkennbar. Immer wieder treffen sich verschiedene Individuen um gemeinsam eine Veränderung zum schwingen zu bringen! Diese Schwingungen verdichten sich dann, wenn sie lange genug aktiv waren zu neuen Mustern, die den eigenen Blick schärfen für das Soziale, das ja nur im gemeinsamen Vollzug, der in Sprache stattfindet, sich entwickeln kann. Das Gegenüber im Blick haben oder das eigene Ich im Anderen erkennen zu suchen ist ein stetiger Abbauprozess unseres eigenen Egos. Und, wie unschwer zu erkennen sein wird, sind diese Prozesse oft schmerzlich. Sie müssen schmerzlich sein, weil etwas Neues entstehen will. Eine in uns lange verschollene, zugeschüttete Seite, die immer wieder versucht es sich in ihrer alten Verwertungslogik bequem zu machen. Denn dieses Neue verunsichert, muss erst erarbeitet werden. Muss aus unseren tiefsten Tiefen wieder auftauchen dürfen. Muss sich zeigen dürfen im Blick des Anderen.

Spiegel: Ich muss meine Frage noch einmal wiederholen. Wer bestimmt wohin die Reise geht. Es ist ja auch kein unkoordinierter Wildwuchs, es müssen ja auch Entscheidungen getroffen, Dinge bezahlt werden.

M.: Deshalb ist es zwingend die Basis zu stärken. Tragfähige Entwicklungsprozesse entstehen immer an der Basis und dort müssen auch die Entscheidungen getroffen werden. Stellen sie sich vor sie arbeiten freiwillig, das bedeutet, nach ihrem freien Willen, in einem Projekt, in welchem sie keine Mitsprache haben über die Angelegenheiten die sie betreffen. Und stellen sie sich weiter vor, es gibt eine kleine Gruppe, die hinter verschlossenen Türen über die wichtigsten Angelegenheiten beratschlagt und sie sich selbst nur mit den Ergebnissen konfrontiert sehen. Zusätzlich stellen sie sich noch vor, dass sie nicht einmal die Möglichkeit haben zu bestimmen wer in dieser Gruppe zu finden ist. Stellen sie sich eine Kommunikation vor, die strukturell die Basis nicht mit einbezieht.

Sie sind immer noch freiwillig hier? Warum? Weil sie mit dieser Struktur zufrieden sind oder weil sie eine Veränderung anstreben? Natürlich ist das jetzt etwas verkürzt dargestellt, aber auch hier zeigt sich ein revolutionäres Moment. Wenn sie als ein in Freiheit handelndes Subjekt, sich in solchen Strukturen wieder finden, werden sie versuchen diese natürlich zu verändern. Es ist der soziale Gedanke der Freiheit der in ihnen angelegt ist, der wachsen will. Er ist, psychologisch formuliert, eine offene Gestalt die geschlossen werden will. Es ist ebenso natürlich, dass erst einmal auf bekannte Entscheidungsstrukturen zurückgegriffen wird. Neue Modelle müssen erst entwickelt, erprobt, verworfen und wieder neu entwickelt werden.

Es wird in diesem Rahmen keinen Abschluss geben, kein Ziel das erreicht werden kann. Wenn alles im Fluss ist, alles in Bewegung, alles im Werden wird sich das Soziale Bahn brechen. Die Basis ist auf Dauer nicht übergehbar! Und es ist die Aufgabe der Basis dies immer wieder einzufordern! Der Gedanke der Freiheit wird aber erst spürbar wenn wir uns bewegen, nicht nur physisch sondern vor allem auch psychisch. Wir werden gemeinsam mit anderen immer an Grenzen stoßen, an die eigenen und an die der anderen.

Und genau hier entsteht ein Aushandlungsprozess, hier entsteht die soziale Plastik. Freiheit ist hier nicht nur ein zu erlangendes Ziel, es ist, nein es muss auch der Weg dorthin sein und dieses Ziel kann nur gemeinsam erreicht werden. Selbstverständlich wird es immer Einzelne geben die ihre Gewohnheiten konservieren wollen, aber das macht das Ganze ja so spannend, kann aber auf Dauer historisch gesehen keinen Bestand haben. Es widerspricht unserer biologischen Struktur.

Spiegel: Und wie wird das Ganze bezahlt?

M.: Theorie und Praxis von nichtkommerziellen Projekten würde unseren Rahmen hier sprengen und wird sich an dieser Stelle zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht wieder finden.

Spiegel: Kommen wir nun zu einem anderen Punkt. An anderer Stelle ist zu lesen das Grandhotel solle sich vom Migrantischen lösen. Wie ist das zu verstehen? Ist doch das Grandhotel gerade durch seine modellhafte Arbeit mit Migranten ins Licht der Medien gerückt.

M.: Die Arbeit mit Menschen aus anderen Regionen der Welt ist ein Kernstück unserer Arbeit, unseres Lebens hier, aber dennoch sollte darüber hinaus gedacht werden. Ein Kollege und guter Freund, der viel mit minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen arbeitet hat einmal gesagt er sei Rassist. Diese Aussage verwundert, ist er doch weit entfernt von solch einer Zuschreibung und dennoch hatte seine Argumentation irgendwie auch einen wahren Kern. Die Menschen lernen zu unterscheiden, zu differenzieren und beginnen dann, auch das Bekannte und Erlernte zu erkennen. Soll heißen, Mensch fängt an, das Gegenüber einer Nationalität zuzuordnen und wird auch noch durch die eigene Psyche belohnt wenn die Zuschreibung erfolgreich war. Leider wird dabei vergessen, dass mit diesen Zuschreibungen auch Interpretationen und Bewertungen einhergehen, die positiv oder negativ sein können. In jedem Fall sind es, oft nur ganz subtile, kaum erkennbare, sehr leise Vorurteile, die dabei mitschwingen.

Und hier beginnt das Dilemma! Du bist gefangen in deinen eigenen Kategorien und übersiehst zu gerne den Mensch der vor dir steht. Deshalb ist es wichtig sich von jedweden nationalen Zuschreibungen aktiv zu trennen. Welche Rolle darf es spielen aus welchem Land jemand kommt, sollten doch nationale Kategorien in unserer postmodernen Zeit längst überholt sein. Es geht immer „nur“ um Menschen und somit muss auch das Menschliche im Fokus sein. Eine Ausländerbehörde interessiert das natürlich nicht. In ihr wird nummeriert, kategorisiert, etikettiert und aussortiert. Das Menschliche ist nicht von Interesse. Eine kafkaeske Behörde, die strukturell ihre eigenen Mitarbeiter*innen geistig missbraucht.

Aber lassen sie uns doch einmal von ihrer Arbeit sprechen, vom augenblicklichen Journalismus. Angesichts des aktuellen Rollback in der Flüchtlingspolitik, die immer mehr zu einer Abschiebepolitik verkommt und einem Journalismus der auf allen Ebenen die immer gleichen, geradezu hospitalistisch vorgetragenen Auswürfe zum Beispiel bayrischer Politiker*innen repetiert. Einem Journalismus dessen Begrifflichkeiten nicht mehr unterscheiden zwischen einer von Konzernen geforderten Verwertungslogik und Fluchtursachen, die gerade diese Logik zur Ursache haben. Der Datenschutz wird ausgehebelt, um über ausgelesene Handydaten die Identität der Menschen festzustellen. Die Identität eines Menschen! Nach überstandener Flucht, erlittenen Traumata, ein ganzes Leben und nun sollen über Handydaten Identitäten ermittelt werden. Welch grenzenloser, abgrundtiefer Zynismus befällt Politiker*innen, wenn sie so etwas fordern. Diesen so genannten Entscheidungsträgern fehlt es wohl an einer gehörigen Portion Spiegelneuronen und den Medien an Kritikfähigkeit, anders kann ich mir diese Menschenverachtung nicht erklären. Aber des Zynismus nicht genug…

Spiegel: Jetzt wollen wir aber sachlich bleiben. 

 M.: Wie kann Mensch sachlich bleiben wollen, angesichts dieses Ausmaßes an medialer Ignoranz. Marshall McLuhan hat einmal treffend formuliert das Ziel des Mediums ist es, den Menschen ans Medium zu binden, seine Kernthese lautet „ das Medium ist die Botschaft“ und diese Zuspitzung ist immer noch zutreffend. Medien sind in diesem Sinne Betäubungsmittel und sollten vielleicht rezeptpflichtig sein. Aus sämtlichen immer wieder gleichen Informationen entsteht weder ein sozialer Bezug zu Leser*innen noch ein für sie relevanter menschlicher oder sozialer Handlungseffekt. Es geht hier nicht um irgendwelche Verschwörungstheorien. Ziel der Medien ist es ja gerade, wie bei jedem Unternehmen oder Konzern den Profit zu steigern. Eine komplexe Bearbeitung von komplexen Themen verkauft sich einfach nicht, außerdem verliert man schnell seine Werbeträger.

Statt Rassisten eine mediale Plattform zu geben, indem man ihre Meinungen präsentiert, sollte vielleicht über journalistische Werte gesprochen werden oder einen hyppokratischen Eid für Medien und ihre Journalisten, ansonsten werden Nachrichten schnell zur Waffe oder sind Ursache für massenhafte geistige Selbstverstümmelungen. Heutiger Journalismus, hat gerade im Kontext der Flüchtlingsthematik so gut wie nichts Konstruktives, geschweige denn Soziales zu vermelden.

Es ist unerträglich wie berichtet wird, dass Länder in Nordafrika als sichere Herkunftsländer erklärt werden und das auswärtige Amt sich nicht entblödet gleichzeitig vor Urlaubsreisen in eben diese Länder zu warnen. Ein Zusammenhang wird hier natürlich nicht hergestellt. Afghanistan wird mittlerweile ebenso als sicheres Herkunftsland deklariert, ungeachtet der Tatsache, dass noch vor Kurzem Bomben im Parlament detonierten, ein Zusammenhang wird auch hier nicht hergestellt. Es ist eine unerträgliche Allianz entstanden zwischen latent rassistischen Politiker*innen und einem Journalismus, der diesen eine Plattform gibt. Egal welche Zeitung man liest, egal welches Medium bedient wird, man findet überall die gleichen menschenverachtenden Darstellungen, Ethik Fehlanzeige, und ehrlich gesagt finde ich es zum kotzen, dass….

 Spiegel: Jetzt haben wir gar nicht über Beuys gesprochen.

 M.: Beuys? Ähm, helfen sie mir auf die Sprünge! (lacht)

 Spiegel: Vielen Dank für das Gespräch

M.:  (lacht)                                                                                                                

Das Interview führte Em Kolon

 

In diesem Sinne

Unterm Pflaster liegt der Strand

 

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