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Madonna

von Claudia Weidenbach

Ave Maria, (Gegrüßet seist du, Maria,)
alte stadt, du Augusta Vindelicorum, vermischt mit dem blute der vindeliker an den
ufern des noch ältern lechs, der sich durch deine gassen schlängelt, viel besungener,
düster murmelnder lauf mit seinen bleichen, warst europa, als europa rom war

gratia plena, (voll der Gnade,)
bist hort, bist pfuhl, erschloschen dein goldglanz, umgeben von unheimlicher stille
und lärmst doch, dein krächzen und stöhnen misstönender klang gebrochener leier
im kampf durch die zeit, die alles um und neu schreibt

Dominus tecum. (der Herr ist mit dir.)
was galt, gilt schon lang nicht mehr, nur das endlose schneettreiben deckt periodisch
deine schwärze zu, umhüllt dein angesicht, schmückt dich als braut, macht dich zur
witwe, bleibt jungfrau

Benedicta tu (Du bist gebenedeit)
dionysisches treiben hängt zwischen deinen mauern, ist mörtel von dem sich spatzen
nähren, unter deinen brücken rauscht es, mächtiges getöse gequirrltes wasser, die
strudelnd, ewig dahin walzen, aufwirbeln, nie erstarrte stille sind

in mulieribus, (unter den Frauen,)
über deinen kanälen glocken und glöckchenklang, aufgespannter marienblauer himmel,
im königsblau erlischen pfeifen und trommeln

et benedictus fructus (und gebenedeit ist die Frucht)
allerorts jahrmarkt der plärrt und greint, deine bande, schon lange zerissen ein unendlich
genküpftes, verwebtes, geknotetes tuch, goldbestickter fetzen, lumpen, edler
brokat, reinster damast, berauschende seide

ventris tui, (deines Leibes,)
auf deinen teppich trete wer mag und schreite ihn ab, kommend, sehend, siegend,
worüber? triumphierend über deine grenzen beengter bürgerlichkeit?

Iesus. (Jesus.)
die geister die du riefst wirst du nicht mehr los – graublauer schatten am rande der
nacht, sommernachtsglühen, sternenhagel, schmerzlicher funke

Sancta Maria, (Heilige Maria,)
als der schnee nicht aufhören wollte und kam und ging und wieder über die stadt einbrach,
sie einlullte, die schrille dämmte und wieder frei gab und wieder umschloss,
fand ich ein leeres, krankes zimmer

Mater Dei, (Mutter Gottes,)
im chaos des neubeginns, aus der umklammerung klebriger erinnerungen, vormals
psychosen geweiht, entblätterte es sich wie eine launige jungfrau, gereizt, verstockt,
widerstrebend bis zur vollkommenen, gelösten nacktheit

ora pro nobis (bitte für uns)
weiße farbe ergoss sich über die basaltsteine des geschwungenen bogens der kleinen
brücke, die ober- und unterstadt verbindet, tränen in geschnürter kehle, wild brausendes,
schwarzes wasser, das den blick mit sich fortreisst, schwindelerregend, tobend
von links nach rechts – über all dem der himmel, still und grau, ferner krähenschrei,
im steten fall, sanfter flocken, verwischte allmählich die peinende spur

peccatoribus (Sünder)
die wunden des zimmers sind geschlossen, mit weihrauch und fremden klängen die
lasten der zeit vertrieben – hinter der stirn, dem auge des zimmers liegt ein kleiner
rosengarten, von da wird es mit licht gefüttert und im takt der zeit, mit jedem Glockenschlag,
nähert sich die alte stadt und verhallt und kehrt wieder in sich

nunc et in hora (jetzt und in der Stunde)
dem geschwungenem pinselstrich, der mit wasser und leim verrührten pigmenten
aus erden, steinen, pflanzen, entstieg jene, die immer schon dagewesen mit ihren
ungezählten namen, einstige göttin, später jungfrau, dann königin, mit allen wassern
geweiht- und gewaschene, die einen sohn bei sich trägt, der am achten tag beschnitten
ward, auf irrwegen gezeugt und mit jeder nacht erneut stirbt, am morgen
aufersteht, jener, der sich selbst überwindet im gang durch die nacht, mensch war
und verlassen im moment des erkennens, des ichs, in der leere unendlichen raumes
– da sind sie, im unbeschwerten, andächtigen moment – beschützen und heißen dich
willkommen, gast eines hauses, das kulturen verbinden will, dort wo europa einst
war und aufhörte zu sein

mortis nostrae. (unseres Todes.)
skeptisch beäugt trotzt das haus widrigkeiten, ist lebendiger korpus geworden,
feuervogel geformt aus erkalteter asche, gehalten vom schweiß derer die an etwas
glauben, den rastlosen kämpfern eines wunsches, eines alten gedankens: … diesen
kuss der ganzen welt …

Amen. (amen.)